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orion - doro

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Fandom und das kulturelle Gedächtnis

OTW hat vor ein paar Tagen die Schaffung des Fan Culture Preservation Projects verkündet. Dabei handelt es sich um eine Kooperation mit der University of Iowa, in der es darum geht, ein Zuhause für Fanzine-Sammlungen zu finden, die auf den heimischen Regalen keinen Platz mehr haben. Ich liebe diese Idee und halte das Projekt für eine großartige Sache.

Was mich verwundert hat, ist der vehemente Protest einiger Weniger in den Kommentaren (so wie es aussieht, könnte es auch eine einzelne Person sein), die es nicht akzeptabel finden, wenn Leute Zines, die sie selber gekauft haben, einer Bibliothek spenden. Das verwundert mich deshalb so sehr, weil das, was da angeprangert wird, in Deutschland Gesetz ist! Der einzige Grund, warum wahrscheinlich nicht viele Fanfiction-Fanzines in der Deutschen Nationalbibliothek zu finden sind, ist die Kombination von relativ unbekanntes Gesetz und relativ unbekanntes Hobby. Mit anderen Worten, Zine-Herausgeber wissen nichts von ihrer Pflicht, zwei Exemplare zur Verfügung zu stellen, und die Nationalbibliothek weiß nichts von der Existenz der Zines.

Fragen an die Deutsche Nationalbibliothek. Die fanzine-index.de-Fragestunde, Juni 2008.

AD: Jeder Fanzine-Herausgeber bekommt es früher oder später mit Ihnen oder Ihren Kolleginnen und Kollegen zu tun. Für die meisten Fanziner ist es allerdings eine große Überraschung, wenn sie plötzlich Post von der Deutschen Nationalbibliothek bekommen mit der Bitte um Zusendung von Pflichtexemplaren des jeweiligen Heftchens. Vielleicht können wir an dieser Stelle einmal ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Beschreiben Sie doch einmal kurz, was die Deutsche Nationalbibliothek eigentlich ist und was sie dazu bewegt, sich auch mit kleinen Fanzines zu befassen.

SJ: Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek und das nationalbibliografische Zentrum der Bundesrepublik Deutschland. [...] Die Bibliothek hat die Aufgabe, das deutsche kulturelle Erbe in Schrift, Bild und Ton vollständig und dauerhaft zu bewahren. Sie ist also quasi das kulturelle Gedächtnis Deutschlands für schriftliche und musikalische Veröffentlichungen. [...] Die Deutsche Nationalbibliothek sammelt mit wenigen Einschränkungen einfach alles, was in Deutschland veröffentlicht wird. Wenn es denn einen Umfang von wenigstens 5 Seiten und eine Auflage von mindestens 25 Exemplaren hat. Ob die Veröffentlichung in einem gewerblichen Verlag erscheint oder von einem Verein oder einem privaten Herausgeber veröffentlicht wird, spielt überhaupt keine Rolle.


Nur mal so zur Info. ;)
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Comments

Genau. *g*

Ich weiß gar nicht, wie es an anderen Ländern aussieht, die haben ja auch Nationalbibliotheken, oder? Ich weiß es jetzt gar nicht so genau...

Was mich an dem Protest viel mehr irritiert: wenn ich das Zine gekauft habe, kann ich damit ja wohl tun, was ich will. Und wenn ich es einer Bibliothek spenden will, ist das ja wohl mein gutes Recht!
Und wenn ich es einer Bibliothek spenden will, ist das ja wohl mein gutes Recht!

Eben. Und wer möchte schon seine Schätze irgendwann auf dem Müll wissen? Da sind sie doch in einer Bibliothek wesentlich besser aufgehoben. Über so etwas sollte sich jeder Fan mit größeren Sammlungen oder ausgefallenen Einzelstücken mal Gedanken machen.
Was mich verwundert hat, ist der vehemente Protest einiger Weniger in den Kommentaren (so wie es aussieht, könnte es auch eine einzelne Person sein), die es nicht akzeptabel finden, wenn Leute Zines, die sie selber gekauft haben, einer Bibliothek spenden.

Das sind wohl dieselben Leute, die auch meinen, es wäre verwerflich, Fanfic aus dem Internet auf dem eigenen Computer zu speichern ... *eyeroll*
Das sind wohl dieselben Leute, die auch meinen, es wäre verwerflich, Fanfic aus dem Internet auf dem eigenen Computer zu speichern ... *eyeroll*

Bei Leuten, die solche Argumente bringen, halte ich das wirklich nicht für ausgeschlossen. (Und ich merke schon, du hast dieselben "Internet vs Zine"-Diskussionen verfolgt wie ich.) *headdesk*
ROTFL. Ja, genau das!

i mean, why in the world would anyone retain rights after they've sold their zine over who gets to read it? [And I wasn't clear whether it was the publishers or the authors...if the former it'd be more...problematic indeed!]
Whoa, das Projekt hat auf einer meiner Mailinglists eine riesen-Welle losgetreten. Da war eigentlich der Konsenz dass die meisten vollkommen dagegen eingestellt waren. Finde ich eigentlich traurig, denn ich halte das auch für ne gute Idee!
Da war eigentlich der Konsenz dass die meisten vollkommen dagegen eingestellt waren.

Das finde ich sehr schade und es fällt mir schwer, das nachzuvollziehen. War denen nicht bewusst, dass Fans schon eine ganze Weile ihre Sammlungen diversen Bibliotheken gestiftet und vermacht haben? Da ist es doch lobenswert, wenn man solche Spenden an einem Ort macht, der den notwendigen Kontext bietet.

Wenn es darum gehen würde, die Privatsphäre der Autoren zu schützen, könnte ich das ja verstehen, aber da die Autorennamen überhaupt nicht veröffentlicht werden, kann das nicht wirklich ein Thema sein. Ich finde es hingegen sehr befremdlich, wenn mir jemand sagen will, ich hätte gefälligst Torwächter zu spielen und zu verhindern, dass irgendjemand jemals etwas in einem Zine nachschlagen darf, das ich gekauft habe.

Edited at 2009-06-21 04:38 pm (UTC)
Die Kommentare sind ja... spannend. Ich bin echt überrascht wie viele Zine-Autoren es gibt die glauben, dass eine Sammlung in Iowa bedeutet dass sie eine absolut illusorische Kontrolle über ihre Zines verlieren. Diese Kontrolle hatten sie nie, und außerdem: wer tut sich das schon an, sich ein Zine aus Iowa zu organisieren und zu kopieren? Da überschätzen sich ein paar Leute gewaltig, was das Interesse anderer Fans an ihren Werken angeht.
Ich bin echt überrascht wie viele Zine-Autoren es gibt die glauben, dass eine Sammlung in Iowa bedeutet dass sie eine absolut illusorische Kontrolle über ihre Zines verlieren.

Für mich ist das auch absolut rätselhaft. Geht es wirklich darum, dass man ein paar wenige Seiten eines bestimmten Zines, von dem man schon vorher wissen muss, dass es das gibt, als Kopie im Rahmen von "fair use" anfordern darf, so wie man aus jedem anderen Buch in einer Bücherei auch Kopien machen darf? Ist "fair use" hier tatsächlich das Problem? Wenn ja, wäre das ziemlich WTF. o_O
Ich finde die Idee auch toll. Noch toller würde ich es finden, wenn ich mir dort tatsächlich auch Zines ausborgen könnte. Bin ich wirklich eine der wenigen Leute, die davon träumen in eine Fanzine-Bibliothek zu gehen und dort nach Herzenslust herumzustöbern um sich dann ein paar von diesen Zines nach Hause mitzunehmen zum ruhigen Lesen?!? Sowas hat doch was!

Und die Leute die sich in dem Thread aufregen über mögliche Kopien von ihren Zines nur weil sie jetzt in dieser Bibliothek sind... die sind ja reichlich naiv, oder?
War das Fanzine Archive, das im Rahmen dieses Projektes ein neues Zuhause gefunden hat, nicht genau das? Ein Archiv, wo man auch etwas ausleihen kann? Insofern sind die Sachen jetzt doch eigentlich weniger zugänglich als vorher. (Ich fände ein Zine-Archiv zum Stöbern auch toll. :)

also so zur frühen morgenstund, wo mein hirn

noch nicht voll funktioniert kann ich nur sagen, ich kannte das Gesetz, aber ich dachte , es bezieht sich nur auf Bücher, die ne ISBN code haben oder halt eben Zeitschriften mit code, nicht auch auf Zines!

was man nicht alles dazulernt!

ich weiss , das xparrot auch ein entry dazu hat, und schon viele comments, bin aber noch nicht dazugekommen, mich durchzuwühlen.

was ist denn das hauptargument *gegen* die Archivierung von unseren Fandom Schätzen?
ausser, omg, I wrote it 20 years ago, and its so embarrassing, I want it to disappear forever?

Re: also so zur frühen morgenstund, wo mein hirn

ich weiss , das xparrot auch ein entry dazu hat, und schon viele comments

Danke für den Tipp! :)

was ist denn das hauptargument *gegen* die Archivierung von unseren Fandom Schätzen?

Das ist mir immer noch nicht klar, und ich habe alle Kommentare dazu auf der Zinelist gelesen. Zum Teil scheinen es Missverständnisse zu sein (Zine in einem Karton irgendwo im Präsentbestandkeller einer Bibliothek wird als gesteigerte Zirkulation betrachtet, wenn tatsächlich das Gegenteil der Fall ist - aus der ehemaligen Fanzine-Leihbibliothek ist eine stationäre Sammlung geworden), zum Teil sind es Vorstellungen bezüglich wer die "richtigen" Leser für eine Story sind (Leute, die eine Spezialsammlung in einer Uni aufsuchen, sind danach definitiv die falschen) und dann ist da auch noch die Vorstellung, dass es immer grundsächlich falsch ist, irgendetwas zu irgendeinem Zweck aus einem Zine zu kopieren, egal wieviel Seiten es sein mögen (die normalen "Fair Use"-Regelungen in Bibliotheken werden damit zum Problem).

ich wünschte, diesen Artikel gäbs in Englisch

denn dann hätte ich es den leute von dieser Zinelist und die gegen das archive sind, auch noch an den Kopf gedonnert :D

http://www.perlentaucher.de/blog/48_hoert_nicht_auf_die_heidelberger_bocksgesaenge
Schön und gut. Er hat recht, er ist von Google nicht gefragt worden - er kann nur seine von Google vorausgesetzte Erlaubnis zurückziehen. Aber eins kann er auf Teufel komm raus sowieso nicht, auch wenn ihm irgendeines seiner früheren Werke peinlich sein sollte: er kann seine Bücher nicht entöffentlichen. Das Problem hat er auch ohne Google. Er kann nicht zur Deutschen Bibliothek gehen und sie auffordern, missliche Jugendschriften aus ihren Depots zu entfernen. Er hat dieses Recht schlicht nicht. Das Buch in der Deutschen Bibliothek gehört ihm nicht. Nicht einmal das Werk, die bloße, vom Papier gelöste Zeichenfolge, "gehört" ihm. Darum ist der Begriff des "geistigen Eigentums" Unsinn. Das Geistige, und das gilt auch für seine dümmeren Manifestationen, die ihre Urheber gern vergessen möchten, gehört letztlich der Allgemeinheit. Das Urheberrecht kommt aus dem Interesse der Allgemeinheit, den Schöpfern geistiger Werke eine Existenz zu ermöglichen. Man fragt sich also, ob Googles pragmatisches Vorgehen wirklich eine so perfide Tat ist.


irgenwie find ich es ganz witzig, wie sich so die Parallelen ergeben, zwischen diesen fanosaurs, und unseren angeblich ach so intellektuellen Eliten, die Google und ebooks am liebsten per Gesetz auch noch verbannen lassen würden :D

Re: ich wünschte, diesen Artikel gäbs in Englisch

er kann seine Bücher nicht entöffentlichen

Ein wunderbarer Satz, den man in der Tat so manchem ins Hirn hämmern sollte.