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merlin - srsly?

JMStV und Fandom

In den letzen Tagen hat die Novellierung des weltfremden Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV) in der Blogosphäre für einige Unruhe gesorgt. Ab 01.01.2010 soll die neue Version trotz heftiger Expertenkritik gelten, die alte gilt schon seit 2003 und ist ähnlich krank. Bisher habe ich noch keinen Eintrag gefunden, der etwas dazu sagt, wie sich das aufs deutsche Fandom auswirken könnte. Hat jemand Links? Vermutlich wird man den neuen Vertrag genauso ignorieren wie den alten, aber selbst der alte hatte schon mehr Auswirkungen aufs Fandom als vielleicht allgemein bekannt...

Worum geht es? Kurz zusammengefasst, könnte man sagen, es geht um die Frage, wie sehr sich ein moderner Industriestaat weltweit die Blöße geben kann, offen zu zeigen, dass die hiesigen politischen Gremien vollkommen frei von informationstechnischem Sachverstand sind.

Die Langfassung ist etwas komplizierter und beinhaltet, dass die Anbieter von Inhalten, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen können, zukünftig die Wahl haben, ihre Seiten durch dem Stand der Technik entsprechende Altersverifikationssysteme oder die Einführung von nächtlichen „Sendezeiten“ für Ihre Webinhalte für Jugendliche unzugänglich zu machen, oder ihre Inhalte mit einer entsprechenden Altersfreigabe zu versehen, die dann von irgendwelchen Jugendschutzprogrammen, die Eltern ihren Kindern installieren müssten, ausgelesen werden können. Die ersten beiden Optionen gab es bisher auch schon. Die letzte ist neu und sorgt für so viel Unsicherheit, dass die ersten Blogs bereits angekündigt haben, zum Ende des Jahres zu schließen.

Der Punktus Knacktus ist: Wann ist ein Inhalt ab 16 oder ab 18? Wie beurteilt man das? Was passiert, wenn man das falsch einschätzt und/oder seine Inhalte falsch oder gar nicht kennzeichnet?

YaoiGermany, das deutschsprachige Fanfic Archiv für Yaoi, hat bereits vor Jahren Bekanntschaft mit dem Jugendschutz gemacht. Obwohl keine pornographischen und damit ab 18-Inhalte erlaubt sind, dürfen die „mature audience“-Storys nur zwischen 21:00 Uhr und 06:00 Uhr zugänglich sein. Die Seite hat damit bereits eine Sendezeit für Inhalte einführen müssen, um der Schließung zu entgehen, was damals schon heftig kritisiert wurde, denn angesichts des jungen Zielpublikums der Seite schützt die vom Jugendschutz verordnete Maßnahme hier die Autoren vor ihren eigenen Geschichten. Was Fanfiction angeht, hat der Jugendschutz also schon eindeutig Stellung bezogen und zumindest Geschichten mit gleichgeschlechtlichen Inhalten, die zwar nicht pornographisch sind, aber in denen es trotzdem etwas zur Sache geht (also praktisch alles, was man in der Het-Version ganz normal in der Buchhandlung kaufen kann), als entwicklungsgefährdend eingestuft. Andere deutsche Archive haben nachgezogen. FanFiction.de hat seit 2009 ein System mit zwei neuen Ratings (P18-AVL und P18-AVL Slash), bei denen man auf die zugehörigen Geschichten nur als registrierter Nutzer Zugriff hat, und zwar zwischen 23:00 Uhr und 04:00 Uhr, es sei denn, man hat sein Alter verifiziert, dann funktioniert der Zugriff auch tagsüber. Pornographische Geschichten sind allerdings auch bei FanFiktion.de verboten, so dass es sich auch bei den hier so streng geschützten Geschichten nicht wirklich um nur für Erwachsende geeignete Storys handeln kann.

Grundsätzlich hätte auch jede private Fansite mit entsprechenden Inhalten bereits ähnliche Vorkehrungen treffen müssen, nur war die Wahrscheinlichkeit ins Visier des Jugendschutzes zu geraten, für eine private Homepage mit etwas Fanfic und vielleicht ein wenig Fanart äußerst gering und das Risiko damit vernachlässigbar.

Zurück zur Neufassung des JMStV. Als Konsequenz bei falscher Kennzeichnung sieht der Staatsvertrag nun bei gewerblichen Anbietern eine Abmahnmöglichkeit vor. Abmahnanwälte freuen sich vermutlich und Blogger, die ihre Seiten über Werbung finanzieren, zittern oder schließen gleich ganz.

Bei Nichtgewerblichen Seiten kann bei falscher Kennzeichnung ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro verhängt werden. Im Klartext: Fanfiction-Seiten mit halbwegs explizitem Slash können entweder weiter darauf hoffen, nicht aufzufallen (jetzt mit eventuellem Bußgeldrisiko), oder in die Anfangszeit des Online-Fandoms zurückkehren, wo man auf jeder Seite zunächst in eine dicke „Ab 18“-Warnung gerannt ist, bevor man an die Storys konnte.

Der Lichtblick: ab 16 würde vermutlich für die meisten Seiten reichen, wenn man sich am Beispiel der großen deutschen Archive orientiert, die sich mit den Kriterien schon auseinandersetzen mussten. Eine Freigabe ganzer Seiten oder nur bestimmter Inhalte „ab 18“ wiederum würde es ermöglichen, weitaus explizitere Geschichten und Fanart als bisher online zu stellen, und zwar ganz ohne Sendezeiten und komplizierte technische Altersverifikationssysteme.

Der Witz an der ganzen Geschichte ist nämlich, dass durch die Änderung des JMStV explizite erotische Inhalte leichter (!) zugänglich werden. Wie das? Ganz einfach. Bisher konnten Anbieter solcher Inhalte diese nur zu bestimmten Zeiten (Sendezeitmodell) oder bei vorheriger genauer Überprüfung des Alters zugänglich machen. Mit der Novellierung des Staatsvertrags rutschen diese Inhalte ganz nebenbei vom Nacht- ins Tagesprogramm, weil man mit der „ab 18“-Kennzeichnung bereits seine Pflicht getan hat. Das schiebt es in die Verantwortung der Eltern, ein Programm zu installieren, das die entsprechend gekennzeichneten Seiten für ihre Zöglinge sperrt, während alle anderen Internetnutzer diese Seiten ohne Hindernisse wie Sendezeiten oder abschreckende Altersbestätigungssysteme frei ansteuern können.

Die Erleichterung für die Erotikindustrie wird damit erkauft, nun alle Netzbürger dem Risiko auszusetzen, Opfer von Abmahnanwälten oder saftigen Bußgeldern zu werden, wenn sie Inhalte auf ihren privaten oder gewerblichen Seiten oder Blogs haben, die eventuell entwicklungsgefährdend sein könnten. Tests haben bereits gezeigt, dass die Fehleinschätzungen hinsichtlich der richtigen Beurteilung von Inhalten bei 80 % Prozent liegt. Da kommt Freude auf.

Wie gut, dass konventionelle Nachrichtenmedien von den lästigen Kennzeichnungspflichten befreit sind. Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit haben sie damit einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz der Blogosphäre, denn die darf den konventionellen Medien leider keine Abmahnanwälte auf den Hals schicken. Aus allen möglichen Richtungen wird angesichts der Aufregung bereits Entwarnung gegeben, die Novellierung des JMStV wäre doch nicht so schlimm wie befürchtet, denn die entsprechenden Behörden hätten nicht die Kapazitäten, alles zu kontrollieren und streng zu verfolgen, es gäbe noch gar nicht die Möglichkeit, seine Seite mit einer entsprechenden Altersfreigabe zu versehen, weil die Systeme erst noch geschaffen werden müssen, und überhaupt hätten die meisten Leute sowieso keine problematischen Inhalte auf ihren Seiten oder Blogs. Ich finde das eine ziemliche zahnlose Entwarnung, weil sie auf die faktische Undurchführbarkeit von Regelungen baut, die eigentlich verpflichtend vorgeschrieben sind. Leider hat es Fanfiction-Archiven in der Vergangenheit nicht genützt, dass die entsprechenden Behörden nicht *alles* verfolgen können. Um homoerotischen Inhalten, die von und für Jugendliche verfasst werden, Sendezeiten aufzuzwingen, hat es immerhin gereicht.

Regelungen, die von vorne herein undurchführbar sind, es sei denn, sie lassen sich gegen Minderheiten, Kritik, diejenigen, die eigentlich geschützt werden sollen, und alles von der Norm Abweichende richten, sind nichts, was ich als harmlos bezeichnen würde.

Zumindest dürfte der ganze Spaß keine Auswirkungen auf LJ/DW/Tumblr haben, völlig egal, ob man seine Inhalte auf Deutsch oder Englisch postet, denn die Server sind nicht in Deutschland. Wie übrigens der Rest des Internets auch nicht!

Comments

Ich bin mal wieder froh, das meine Webseiten schon immer auf ausländischen SErvern lagen, meine Domains keine .de Domains sind und meine Whois Info privatisiert ist.

Trotzdem hab ich eine ziemliche Wut auf die Vollidioten die diesen Scheiß beschlossen haben.

Ich würde mich nicht wundern wenn das 1) von den Verlagen dazu genutzt wird, um mehr Bezahlcontent zu haben und 2) von einigen Politikern genutzt wird, um den E-Perso als Zwang zum Zugang ins Internet einzuführen.
und 2) von einigen Politikern genutzt wird, um den E-Perso als Zwang zum Zugang ins Internet einzuführen.

Sag nicht so was. Bei dem Gedanken wird mir gerade schlecht. >_<

Das schiebt es in die Verantwortung der Eltern, ein Programm zu installieren...

...womöglich auf dem Laptop des Teenagers, der sich wesentlich besser mit der Sache auskennt und das Programm sofort wieder deinstalliert.

Weltfremd trifft es tatsächlich.
Teenager, die sich besser mit dem Laptop auskennen als ihre Eltern? Alles üble Verleugnung!! Außerdem nutzt auch kein Teenager Smartphones oder ähnliches Teufelszeug. Das weiß doch jeder. Pfft.
Danke für die tolle Zusammenfassung! Ich wollte mich heute abend mal dazu durch die Netz-Presse wühlen, nachdem ich heute Mittag einen Artikel darüber auf meiner F-list fand. Jetzt lese ich mich erstmal durch deine Links :-)

Unsere Regierung blamiert sich ja am laufenden Band mit so tollen Regelungen fürs Internet. Ich habe das Gefühl wenn das Wort 'Internet' im Plenarsaal fällt laufen alle panisch rum wie kopflose Hühner. Demnächst gibt es ne' Meldestelle für Internetadressen, die man auch nur nach Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses bekommt. Weil im Internet tummeln sich ja nur Raubkopierer und Kinderschänder :(
Demnächst gibt es ne' Meldestelle für Internetadressen, die man auch nur nach Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses bekommt.

Würde mich nicht wundern. All die Meinungsfreiheit im Netz ist denen scheinbar sowieso ein Dorn im Auge.

Danke für die tolle Zusammenfassung!

Gern geschehen. :) Irgendwo musste ich mit den vielen Links ja hin. ;)

Edited at 2010-12-02 07:10 pm (UTC)
Sehr interessant zu dem Thema ist auch der Artikel das law-Blogs. Wichtigster Satz in diesem Artikel ist für mich Nur wer Inhalte anbietet, die ausschließlich für Nutzer ab 16 oder 18 Jahren geeignet sind, muss entweder eine Alterskennzeichnung einführen oder seine Inhalte tagsüber sperren.

Nach dem Lesen dieses Artikels habe ich beschlossen, dass ich bei meiner Homepage nicht ändern werde und erst mal abwarten werde, wie es sich entwickelt...

Und ich persönlich finde es gut, dass Eltern wieder Verantwortung für ihre Kinder übernehmen müssen. Auch wenn es in diesem Fall vielleicht nicht der richtige Weg ist.

Edited at 2010-12-02 07:15 pm (UTC)
Sehr interessant zu dem Thema ist auch der Artikel das law-Blogs.

Den Artikel habe ich indirekt durch einige andere Artikel mit gelinkt, die darauf eingehen und das teilweise heftig kritisieren. Problematisch an der Sache ist, dass viele Inhalte, von denen wir gar nicht meinen, dass sie ab 16 oder 18 sind, tatsächlich so einzuordnen wären. Z.B. das Bild des Mannes mit der Augenverletzung, das nach dem "Stuttgart 21"-Ereignissen durch alle Zeitungen ging.

Wenn du nur Fanfiction auf deiner Seite hast und nichts davon dem MA-Rating bei YaoiGer entspricht, dürftest du aber auf der sicheren Seite sein.
Lustigerweise ist die einzige fannische Diskussion zum Thema, die mir bisher untergekommen ist, die im Perry Rhodan-Forum.
Danke für den Link! :D
Danke für das Update in Sachen "Der neueste Web-Wahn aus Berlin".

Noch könnten die Grünen in NRW das Ding ins Wackeln kriegen, weil NRW noch nicht zugestimmt hat, aber es war gerade das Einknicken der Grünen, der den Stein ins Rollen gebracht hat.

aber mittlerweile bin ich froh drum, die Sachen bei LJ/DW zu parken (ausgerechnet LJ, hah!)...

Ein Grund mehr, sich über Archive wie das AO3 zu freuen. ^_^
Ich möchte dahingehend nur auf diesen heutigen Tagesschau.de-Artikel verweisen: http://www.tagesschau.de/ausland/studieinternetzensur100.html

Mindestens ein Kommentar bezieht sich auch auf den JMStV... der Rest amüsiert sich über die Formulierung "unzensiert - mit Einschränkungen"...
Nun, das sieht so aus, als sollte ich mir dann auch mal langsam überlegen mit meinen Storys auf AO3 umzuziehen, wenngleich mir die inviduelle Gestaltung der eigenen Seiten immer sehr viel Spaß macht. Aber falls ein Server im Ausland wirklich reicht, um auf der sicheren Seite zu sein ....
Ich sage nur eins: Proxy Server. Damit kann ich verschleiern, ein deutscher User zu sein. O.K. lese eh nur englischen Slash, aber es ist trotzdem lächerlich. Besonders wenn ich sehe, was es sonst ohne Probleme im Internet gibt. Ganz im Gegenteil: Auch wenn ich das nicht möchte, bekomme ich andauernd pornografische Seiten angezeigt. Selbst wenn man nur ein dusseliges Kochrezept googelt. So was wie "Seitensprung gefällig" oder "heiße Tussen aus Deiner Umgebung". Und dann regen die sich wegen ein paar Geschichten auf. Lächerlich.