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merlin - reading ftw

Das Undenkbare und wie es gedacht wird

Wer gestern und heute den gängigen Print-Nachrichtenmedien und ihren Online-Ablegern gefolgt ist, wird mitbekommen haben, wie die Zeitungen und Verlage sich über alle Partei- und Ideologiegrenzen hinweg in Panik besudelt haben, weil Google es gewagt hat, seine Marktmacht dazu zu nutzen, eine Nachricht zu veröffentlichen. Stichwort: Leistungsschutzrechte.

Auf Google.de findet sich ganz zentral unter dem Suchfenster der Text: "Willst Du auch in Zukunft finden, was Du suchst? Mach' mit: Verteidige Dein Netz". Der Link führt zu einer Seite, auf der Google über ein Gesetz informiert, über das der Bundestag morgen berät (um 2:00 Uhr nachts. Hahaha! Ich wusste gar nicht, dass man den Begriff "Nacht-und-Nebel-Aktion" so wortwörtlich nehmen muss.) In einem Satz zusammengefasst heißt es dort über das Gesetz: "Dieses soll Verlagen gegenüber Suchmaschinen und anderen Diensten das Recht geben, Suchergebnisse für Presseartikel zu verbieten oder von einer Zahlung abhängig zu machen." Oder um es mit Worten eines Kommentators zu dem Artikel Multimedia: Google startet Kampagne gegen Leistungsschutzrecht zu sagen: "Dabei geht es aber nicht um den Schutz an sich, denn natürlich könnten die Verlage sich selbst recht einfach und schnell aus dem Google-Index entfernen. Es geht darum, dass Google für diese Schnipsel zahlen soll. Es ist also ein Gesetz zur Subventionierung der Verlage durch Google und alle, die ähnlich arbeiten. Allerdings ist bei Google am meisten zu holen, also geht es eigentlich direkt um Google."

Man findet auf der Seite viele Informationen zum Gesetzesvorhaben, aber die Information, wegen der sich einige Politiker ins Hemd gemacht haben dürften, ist der Link zu einer Karte, auf der jeder Leser in Deutschland den Abgeordneten seines Wahlkreises finden und sozusagen mit seiner Wählermeinung zu diesem Thema belästigen kann. Für die Verlage (und die Politik) anscheinend zu viel Basisdemokratie. Was in den USA nämlich gang und gäbe ist, ist hier absolut unüblich. Man wendet sich doch nicht an seine Abgeordneten! Wo käme man denn da hin?

Dabei überbieten die Verlagsangebote im Netz sich gegenseitig an Scheinheiligkeit, wenn sie Google als in dieser Angelegenheit gar nicht uneigennützig, OMG! verteufeln. Natürlich ist Google nicht uneigennützig, aber wer hat denn der schwarz-gelben Koalition in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie bitteschön dieses Leistungsschutzrecht Wirklichkeit werden lässt, obwohl Experten davon nur abraten, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und im zusammenfassenden Urteil dazu sagen: "Gesamthaft betrachtet scheint der Regierungsentwurf nicht durchdacht. Er lässt sich auch durch kein sachliches Argument rechtfertigen." Genau, die Verlage. Natürlich ganz uneigennützig. Oder um es noch einmal mit den Worten von netzpolitik.org zu paraphrasieren: "Das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverleger lässt sich durch kein sachliches Argument rechtfertigen. Zu diesem Fazit kommt ein Positionspapier einer ganze Reihe an Wissenschaftlern um das Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht. Die Unterzeichner sehen unabsehbare negative Folgen für die Volkswirtschaft und die Informationsfreiheit in Deutschland."

Mit dieser Meinung stehen die Experten nicht allein. Auch andere Größen im Netz haben sich zu Wort gemeldet: "Die ins Spiel gebrachten Regeln seien schlecht für die Nutzer und das Web, meinen die Macher des Firefox-Browsers. Wenn für das Zitieren kleiner Textauszüge in Form sogenannter Snippets oder von Schlagzeilen Lizenzgebühren fällig würden, könnte die Möglichkeit, Informationen ausfindig zu machen, eingeschränkt werden. Aufstrebende Wettbewerber im Suchmaschinenmarkt könnten sich entsprechende Mehrkosten schon gar nicht leisten. Kommerzielle, politische oder rechtliche Hürden für den Fluss von Informationen, Ideen und Kreativität im Web seien schlecht, da sie dessen Vorteile unterliefen."

In den Artikeln von Seiten wie SPON, FAZ, Handelsblatt oder Focus war heute hingegen wunderbare Lobbyarbeit zu lesen, dummerweise hat das wohl nicht wirklich überzeugt, wenn man nach den doch sehr eindeutigen Leserkommentaren zu diesen Artikeln geht.

Wenn man allerdings jenseits der gängigen Nachrichtenmedien nach Meinungen sucht, trifft man auf solche: Die Verlage machen sich zum Feind der Öffentlichkeit, sie erklären den Kunden den Krieg. Und wenn eines im Internet definitiv nicht funktioniert, dann ist es genau das: sich gegen die Wünsche der Kunden zu richten. Nach dem Leistungsschutzrecht kann die deutsche Verlagsbranche die Hoffnung aufgeben, jemals wieder junge Leser zu gewinnen. Das wissen natürlich nicht die Jungen – aber die Erfahreneren. Fragte man vor einigen Wochen, warum so viele jene Petition gegen das Leistungsschutzrecht nicht zeichneten, gab es erschreckende Antworten wie “Lass die Verlage vor die Wand fahren”. Diese Haltung ist relativ neu – und sie ist das Produkt jener seit Jahren andauernden Entfremdung zwischen den Medien und ihren Viellesern.

Clay Shirky hat das Dilemma der Nachrichtenmedien, das hinter all dem verzweifelten Säbelrasseln steckt, bereits vor drei Jahren in seinem Aufsatz Newspapers and Thinking the Unthinkable perfekt zum Ausdruck gebracht:

The problem newspapers face isn’t that they didn’t see the internet coming. They not only saw it miles off, they figured out early on that they needed a plan to deal with it, and during the early 90s they came up with not just one plan but several. [...] In all this conversation, there was one scenario that was widely regarded as unthinkable, a scenario that didn’t get much discussion in the nation’s newsrooms, for the obvious reason.

The unthinkable scenario unfolded something like this: The ability to share content wouldn’t shrink, it would grow. Walled gardens would prove unpopular. Digital advertising would reduce inefficiencies, and therefore profits. [...]

When reality is labeled unthinkable, it creates a kind of sickness in an industry. [...] The curious thing about the various plans hatched in the ’90s is that they were, at base, all the same plan: “Here’s how we’re going to preserve the old forms of organization in a world of cheap perfect copies!” The details differed, but the core assumption behind all imagined outcomes (save the unthinkable one) was that the organizational form of the newspaper, as a general-purpose vehicle for publishing a variety of news and opinion, was basically sound, and only needed a digital facelift. [...]

Round and round this goes, with the people committed to saving newspapers demanding to know “If the old model is broken, what will work in its place?” To which the answer is: Nothing. Nothing will work. There is no general model for newspapers to replace the one the internet just broke.

With the old economics destroyed, organizational forms perfected for industrial production have to be replaced with structures optimized for digital data. It makes increasingly less sense even to talk about a publishing industry, because the core problem publishing solves — the incredible difficulty, complexity, and expense of making something available to the public — has stopped being a problem.

Comments

Danke für deb Post. Das wäre glatt wieder an mir vorbeigegangen. :)
Gern geschehen. :) Das ist ein spannedes Thema, über das es diese Tage viel zu lesen gibt. Habe gerade auch einen New York Times Artikel dazu gefunden, der die Situation aus der internationalen Perspektive beleuchtet.

Edited at 2012-11-28 10:01 pm (UTC)
Danke für die Links! Mittlerweile rollt eine Welle nach der nächsten über das Netz hinweg, was umso deutlicher zeigt, wie nah am Abgrund sich die herkömmlichen Machtstrukturen der Industrie schon befinden. Über kurz oder lang bricht etwas - entweder das Netz, oder die, die es kaputt machen wollen.
Ja. Alles richtig. Und trotzdem muss irgendjemand für Journalismus bezahlen, oder es wird keinen mehr geben über die Dinge, die unbequem, öd und doch wichtig zu beobachten sind.

Sage ich als vollkommen Voreingenommene. Die gerne weiterhin von ihrer Arbeit leben möchte. :)
Kann ich gut nachvollziehen, die Lösung kann allerdings nicht darin liegen, künstlich ein System zu erhalten, das dazu geschaffen wurde, ein Problem zu lösen, das es nicht mehr gibt. Das Modell des Verlagswesens hat sich überholt. Der Versuch, das "Verlegen" an sich retten, beinhaltet daher immanent das Bedürfnis, "Veröffentlichung" wieder zu einem Problem zu machen, das zu lösen nur bestimmte Nutznießer staatlicher Begünstgung das Recht haben. Um jemanden zu finden, der Journalisten auch zukünftig bezahlt, braucht es neue Geschäftsideen und keinen Protektionismus für die alten.
Sehr interessantes Thema! Danke fürs teilen; das war bisher komplett an mir vorbei gegangen.
Hey, gern geschehen. Solange man als Nicht-Gewerblicher fürs Verlinken noch nichts zahlen muss... ;)
Ich habe vor zwei Tagen (?) bei SPON den Artikel gelesen, in dem Google Lobbyismus in eigener Sache vorgeworfen wird. Da habe ich mächtig mit den Zähnen geknirscht. Ich fand das sehr armselig, dass ausgerechnet SPON versucht, hier Stimmung mit diesem Argument zu machen.

Aber SPON ist was Netzpolitik angeht ohnehin eine einzige Katastrophe.
SPON hat von den Online-Zeitungen diesbezüglich in den letzten Tagen noch die ausgeglichenste Berichterstattung geliefert, was schon verdammt traurig ist.
Als jemand, der für einen dieser Verlage arbeitet, aber gleichzeitig mit Online-Marketing zu tun hat, rollen sich mir jedes Mal die Zehennägel auf, wenn dann auf der Unternehmensseite stolz mit dem LSR geprahlt wird und das böse, unverschämte Google niedergemacht wird. Nein, Google ist kein Heiliger. Aber dass man eine Seite auch so programmieren kann, dass sie erst gar nicht von Google erfasst wird, erwähnt keiner. Weil dann stößt man auf die unausweichliche Tatsache, dass Verlage ohne Google ganz schön im Arsch wären.

Es macht mich so wahnsinnig, dass hier die "Großen" einfach mit dem Fuß aufstampfen und das Web umkrempeln können, weil sie Geld haben wollen, das ihnen nur wegen ihrer eigenen veralteten Sichtweisen durch die Lappen geht. ARGH. /rant
Super zusammengefasst! Ich halte mich mit public posts zu dem Thema ja zurück, sonst gibt's gleich die Arbeitgeber-Befangenheits-Keule, aber es freut mich, das hier mal diskutiert zu sehen. Muss man ja verbreiten, die 08/15-Presse wird's eher nicht tun! ;-)
Super zusammengefasst!

Danke! :)

Was die Berichterstattung zum Thema angeht, versagt die Presse derzeit leider völlig, aber Blogger wie Stefan Niggemeier leisten angesichts dessen echte Qualitätsarbeit. Heute zum Beispiel mit Zwischenstand im Presse-Limbo zum Leistungschutzrecht, gestern mit Dann reden wir mal über »Zensur« und Lügen fürs Leistungsschutzrecht (2) oder vorgestern mit Google ist nicht das Netz, und Verlage sind nicht der gute Journalismus. Da kann ich nur sagen, Hut ab!
Diese Nacht-und-Nebel-Aktion erinnert mich ein wenig an die Gesetzesabstimmung, bei der es um die Weitergabe von Informationen durch die Bürgerämter oder so ging - die Abstimmung war während eines Fußballspiels unserer Nationalmannschaft beim letzten großen Turnier und dann waren noch nicht mal 20 Abgeordnete anwesend, die dann diesem Gesetz zugestimmt haben.

Aber jetzt mal für Dumme gedacht. Ein einfacher Nutzer versucht mittels einer Suchmaschine im Internet (nennen wir sie Google) einen Artikel zu einem bestimmten Thema zu finden. Für das angezeigte Suchergebnis soll nun in Zukunft Google dem Verlag Geld bezahlen... Das hört sich selbst für einen Dummen beschränkt an.

Die Verlage haben doch schon jetzt mit sinkenden Verkaufszahlen etc. zu kämpfen (haben nicht erst letztens zwei Zeitungen ihr Ende verkünden müssen?) und statt die Nutzer von Google in die Richtung ihrer Artikel lotsen zu lassen - wo sie dann vielleicht die Wahl hätten entweder kostenpflichtig diesen Artikel zu lesen oder auf den Artikel zu verzichten - wollen sie von Google Geld für das Wegweisen?

Vielleicht habe ich das ja falsch verstanden aber an Google's Stelle würde ich dann einfach "Nö" sagen und zusehen wie die Verlage langsam zugrunde gehen, weil sie es nur schwerlich schaffen werden, neue Nutzer für ihre Internet-Inhalte zu finden.

Gott, das ist doch fast so als würde man jemanden bei seinem langsamen, schleichenden Selbstmord zuzusehen.

Man hackt ja auch gerne auf die Musikindustrie ein, weil die sich mit der Umstellung auch schwertuen - aber dramatisch gesehen, werfen sich die Verlage ja geradezu in die Messerklinge. Da fehlt mir gänzlich das Mitleid.

Scheinheilig - wenn es um den Schutz ihrer Rechte und Inhalte ginge und sie nicht von Google als Suchergebnis angezeigt werden wollen, bitte schön, das lässt sich regeln. Das aber als Vorwand zu nehmen, um Geld abzukassieren - selbst Schuld!
wo sie dann vielleicht die Wahl hätten entweder
 kostenpflichtig diesen Artikel zu lesen oder auf den Artikel zu
 verzichten - wollen sie von Google Geld für das Wegweisen?


Ja, genau so. Irgendjemand muss ja schließlich dafür bezahlen, und da die selber ihre Artikel für umsonst an die Leser verschenken, wollen sie nach dem Prinzip der underpants gnomes jetzt von einem unbeteiligten Dritten Geld. (1. Artikel umsonst ins Netz stellen, 2. ?, 3. Profit! - wobei an die Stelle des Fragezeichens jetzt das LSR treten soll.)
Nur zu Info und weil ich gestern aus einem ganz anderen Grund darauf gestoßen bin:
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